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schrieb am 22. Januar 2026 um 16.42 Uhr
Wenn ich an meinen Vater Siegfried denke,
dann denke ich oft an ein Schachbrett.
An Vorausdenken, an mutige Züge,
an Wege, die nicht jeder gehen würde.
Mein Vater war ein sehr intelligenter Mensch.
Aber er hat diese Intelligenz nie benutzt, um reich zu werden oder Karriere zu machen.
Er hat sich entschieden, sein eigenes Spiel zu spielen,
nach seinen eigenen Regeln, außerhalb der üblichen Bahnen.
Manchmal wirkte es, als wäre er ein Zauberkünstler,
der mit Ideen und Technik durchs Leben ging,
immer ein paar Züge voraus, aber nie am schnellen Gewinn interessiert.
Technisch war er seiner Zeit oft voraus.
Schon in den Anfängen der IT, bei den Grundpfeilern wie Assembler,
wollte er verstehen, wie die Dinge im Innersten funktionieren.
Nicht, um damit zu prahlen, sondern weil ihn das Denken selbst fasziniert hat.
Schach war für ihn mehr als nur ein Spiel.
Er war ein exzellenter Schachspieler,
und er hat nicht nur selbst gewonnen,
sondern auch ein Team zum Sieg geführt.
Er konnte Stellungen lesen, Chancen erkennen
und andere motivieren, den nächsten Zug zu wagen.
Vielleicht, weil er wusste, dass man manchmal Opfer bringen muss,
um das Spiel insgesamt voranzubringen.
So war auch sein Leben.
Er war kein Mensch für feste Formationen.
Er wollte nicht einfach eine Figur in der Reihe sein,
sondern selbst entscheiden, wohin er geht.
Er hatte den Mut, ungewöhnliche Züge zu machen,
Züge, die viele von uns sich nicht getraut hätten.
Lange Zeit ging er mit großer innerer Stärke durchs Leben,
mit einem festen mentalen Ausgangspunkt,
ohne viel Angst vor Entscheidungen oder vor dem Alleinsein.
Er vertraute seinem eigenen Plan, seinem eigenen Spiel.
Für mich war er oft mehr Freund als Vater.
Mein philosophischer Gesprächspartner.
Wir haben über das Leben diskutiert, über Freiheit, Sinn und Gesellschaft,
manchmal stundenlang, manchmal leidenschaftlich.
Diese Gespräche waren für mich wie Partien,
in denen nicht gewonnen oder verloren wurde,
sondern in denen es darum ging, gemeinsam zu denken.
Und doch gehört auch zur Wahrheit,
dass er in unserem Leben manchmal gefehlt hat.
Nicht, weil wir ihm nicht wichtig waren,
sondern weil die Umstände, sein Lebensweg
und seine eigenen inneren Kämpfe es ihm oft schwer gemacht haben,
so da zu sein, wie man es sich vielleicht gewünscht hätte.
Das war für uns nicht immer leicht,
aber es war auch für ihn nicht leicht.
Was ich ganz besonders vermissen werde,
sind die kleinen Dinge zwischen uns.
Dieses gegenseitige Pushen, dieses gemeinsame Tüfteln,
wenn wir über unbequeme Workflows gesprochen haben,
über neue Ideen, über das Trainieren von LoRAs,
über Möglichkeiten, Dinge besser, eleganter oder einfach interessanter zu machen.
Diese Momente, in denen es nicht um Probleme ging,
sondern um Neugier, um Spaß am Denken und Ausprobieren,
um dieses stille Verstehen zwischen uns.
Doch irgendwann wurde das Spiel schwerer.
Körperlich und auch geistig hat er abgebaut,
und die Züge, die früher funktioniert haben,
haben ihn plötzlich nicht mehr weitergebracht.
Das Lebenskonzept, das ihn so lange getragen hatte,
hat ihm am Ende keinen sicheren Stand mehr gegeben.
Sein Tod war kein einfacher, kein begreifbarer Zug.
Er war kein Zeichen von Schwäche,
sondern Ausdruck einer tiefen Erschöpfung und Überforderung,
die wir vielleicht nie ganz verstehen werden.
Aber wir dürfen nicht vergessen,
dass selbst die besten Spieler irgendwann in eine Lage kommen können,
aus der sie keinen Ausweg mehr sehen.
Heute nehmen wir Abschied von meinem Vater,
aber wir erinnern uns an die vielen klugen, mutigen und besonderen Züge,
die er in seinem Leben gemacht hat.
An seinen scharfen Verstand, seine Eigenwilligkeit,
seine Kreativität und seinen Mut, anders zu sein.
Für mich bleibt er der Mensch,
der mir beigebracht hat, selbst zu denken,
Fragen zu stellen und nicht immer den einfachsten Weg zu gehen.
Der mir gezeigt hat, dass man sein eigenes Spiel spielen darf,
auch wenn es nicht dem entspricht, was andere erwarten.
Papa,
du fehlst auf meinem Brett des Lebens.
Aber das, was du mir beigebracht hast,
wird mich bei jedem weiteren Zug begleiten.
Danke für das Spiel, das wir teilen durften.
Und lebe wohl.